Das Land in mir

Nie habe ich es jemandem gezeigt, jenes Land in mir, niemandem erzählt, wo ich überall gewesen bin.

Das Land in mir

Nie habe ich es jemandem gezeigt, jenes Land in mir, niemandem erzählt, wo ich überall gewesen bin.

Alle kennen nur die blühenden Wiesen, die sprudelnden Bächlein, die niedlichen Tiere, die fröhlich umherspringen.

Okay, hin und wieder ein reinigender Regen, ein Gewitter wie aus heiterem Himmel. Keiner versteht, woher es kam, denn dort ist noch niemand gewesen. Tief im Inneren dieser Disney-Landschaft liegt es verborgen, abgesperrt mit Stacheldraht, gesichert mit Warnschildern und Selbstschussanlagen.

Ein düsterer Wald, in dessen Schatten scheue Wesen ins Dickicht huschen, merkwürdige, hässliche Kreaturen, die das Tageslicht meiden.

Lang erloschene Vulkane, die jederzeit ausbrechen und deren Lavastrom alles mit sich reißen könnte.

Ein einst ungestümer Fluss wurde begradigt, so wie es sachdienlich war. Betonlandschaften lenken nun seinen Lauf, Schleusen dämmen ihn ein, lassen immer nur so viel hindurch wie angemessen erscheint.

Doch immer öfter bricht der Fluss nun aus jenen Bahnen aus, sucht sich wieder seinen natürlichen Lauf, der kaum noch zu erkennen ist, notfalls mit Gewalt durchbricht er alle Dämme, überflutet ganze Landstriche, die danach nicht mehr dieselben sind. Die Renaturierung ein kompliziertes Unterfangen mit Irrungen und Wirrungen.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich jemanden mitgenommen, erst zögerlich, ihm Stück für Stück meiner wahren Welt gezeigt. Er versteht nicht alles. Zu viele widerstreitende Kräfte herrschen hier.

Er hat viel Mut, lässt sich nicht so schnell abschrecken, auch wenn das Land bisweilen unwirtlich ist und der eine oder andere Ausbruch ihn schon unsanft zurückgeschleudert hat. Manchmal wundert er sich, manchmal lacht er auch, doch er berührt nichts, versucht nicht zu verändern oder zu zähmen.

Und jedes Mal, wenn sich ihm ein neuer Teil offenbart, frage ich mich, warum er bleibt. Trotz allem scheint es ihm hier zu gefallen.